Aderalingua

Kapitel 18: Die Nacht am Fluss

Three explorers explore a long abandoned Hamburg

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Vocabulary

der Fluss the river
das Murmeln the murmuring
die Oberfläche the surface
der Ruin / die Ruinen the ruin(s)
das Tagebuch the diary
die Erinnerung the memory
flüstern to whisper
blättern to turn the page
unruhig restless
der Klang sound

Kapitel 18


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Der Wald wird lichter, und bald hören sie das leise Murmeln von Wasser. Ein schmaler Fluss zieht sich durch die Bäume, ruhig und klar, als hätte er die letzten Jahre unberührt überstanden. Die Sonne steht tief, und das Licht bricht sich auf der Oberfläche in langen, goldenen Streifen.

„Hier bleiben wir“, sagt Mira. „Lukas braucht Ruhe.“

Lukas nickt, obwohl sein Gesicht blass ist. Die Wunde an seiner Seite schmerzt bei jedem Schritt. Jonas hilft ihm, sich ans Ufer zu setzen. Der Boden ist weich, und das Wasser fließt langsam, fast tröstlich.

Sie bauen ein kleines Lager auf—kein Feuer heute. Der Wald ist zu still, zu aufmerksam. Stattdessen essen sie leise von den verpackten Lebensmitteln, die sie aus dem Laden mitgenommen haben. Der Fluss trägt ihre Stimmen davon, als wolle er sie verstecken.

Die Nacht kommt schnell.

Der Himmel ist wolkenlos, und die Sterne spiegeln sich im Wasser. Jonas sitzt wach, die Knie angezogen, den Blick auf die dunklen Ruinen gerichtet, die hinter den Bäumen wie gebrochene Zähne in den Himmel ragen.

Dann hört er es.

Ein Singen.

Oder vielleicht nur der Wind.

Ein Ton, der sich hebt und senkt, wie eine Stimme, die versucht, sich zu erinnern.

„Habt ihr das gehört?“, flüstert er.

Mira öffnet die Augen. „Was denn?“

„Da… ein Lied. Oder… etwas.“

Lukas lauscht, aber schüttelt den Kopf. „Ich höre nur den Wind.“

Doch Jonas ist sich nicht sicher. Der Klang kommt wieder—ein fernes Echo, das zwischen den Ruinen wandert, als würde jemand dort oben stehen und in die Nacht sprechen.

Er denkt an das Tagebuch, an die Erinnerungen der Menschen, die hier einmal lebten. An ihre Stimmen, ihre Geschichten, ihre Hoffnungen.

Sind das ihre Spuren? Oder nur meine eigenen Gedanken?

Er kann nicht schlafen.

Er nimmt das Malbuch aus seinem Rucksack und blättert durch die Seiten. Die Zeichnungen wirken im Mondlicht anders: heller, trauriger, lebendiger.

Ein Haus.

Ein Boot.

Eine Familie.

„Wer wart ihr?“, flüstert Jonas. „Und warum seid ihr gegangen?“

Mira setzt sich neben ihn. „Du denkst an sie.“

Jonas nickt. „Ich denke an alle. An die Stadt. An die Bücher. An das Wissen, das dort liegt… und das wir zurücklassen mussten.“

„Wir kommen wieder“, sagt Mira. „Du weißt das.“

„Ja. Aber was, wenn es irgendwann verschwindet? Wenn niemand es bewahrt?“

Mira legt eine Hand auf seine Schulter. „Dann müssen wir es tun. Wir. Unser Dorf.“

Jonas sieht wieder zum Fluss. Das Wasser glitzert, als würde es zuhören.

„Ich habe Angst“, sagt er leise.

„Ich auch“, antwortet Mira. „Aber Angst heißt nicht, dass wir aufhören.“

Lukas schläft inzwischen, sein Atem ruhig, aber flach. Jonas und Mira wachen noch lange, hören dem Fluss zu, dem Wind, den Ruinen.

Das Singen kommt nicht wieder.

Oder vielleicht hören sie es einfach nicht mehr.

Als Jonas schließlich die Augen schließt, trägt ihn der Klang des Wassers in einen unruhigen Schlaf.

Reading Comprehension Exercises

Here are some questions to help you start thinking in German.